Nach viel zu langer Zeit haben wir es endlich geschafft, wieder nach Japan zu reisen, um unsere Lehrer zu besuchen und Freundschaften zu pflegen. Unser Ziel war die Kirschblüte und ein intensives Kobujutsu-Training im März 2026.


Anfang März startet eine Gruppe des Ryukyu Kobujutsu Deutschland unter der Leitung von Josef Schäfer (7. Dan), dem höchstgraduierten Lehrer in Deutschland, auf die Reise nach Tokio. Geplant ist, dass wir die erste Woche in Tokio unter der Anleitung von Hanshi Kisho Inoue trainieren.
Auf dem Trainingsprogramm stehen neben den klassischen Waffen Bo und Tonfa auch Tekko, Nunchaku sowie einige seltenere Waffen des Systems. Ein zentrales Ziel dieser Reise ist es, ein vertieftes Verständnis für diese ungewöhnlichen und selten unterrichteten Techniken zu erlangen.
Surujin
Das Surujin (auch Suruchin) gilt im traditionellen Okinawa Kobudo als die achte und letzte der klassischen Ryukyu-Waffen. Da es erst auf dem Niveau des Yondan (4. Dan) unterrichtet wird, erhalten nur wenige Praktizierende die Gelegenheit, diese komplexe Waffe zu meistern.
Es existiert in zwei Hauptvarianten:
- Tan Surujin (Kurz): Ca. 150–152 cm lang, ideal für Nahkampf und schnelle Verwicklungen.
- Naga Surujin (Lang): Ca. 230–240 cm lang, genutzt für große Reichweite und sweeping Angriffe
Historisch war oft ein Ende mit einer Klinge (zum Stoßen) und das andere mit einem Gewicht (zum Schlagen oder Fangen) versehen. Die Waffe zeichnet sich durch ihre Verborgenheit aus; sie konnte leicht unter der Kleidung getragen und plötzlich eingesetzt werden, um Gliedmaßen oder Waffen des Gegners zu fesseln (ensnaring).
Der Schwerpunkt liegt auf dem Schwingen aus der Hüfte (Hara) bei niedrigem Schwerpunkt, um die Spannung der Kette zu kontrollieren. Im Kumite (Freikampf) wird die Metallkette oft durch eine Lederkordel und die Gewichte/Klingen durch weiche Beutel ersetzt, um Verletzungen zu vermeiden.
Die Handhabung des Surujin erfordert ein hohes Maß an Kontrolle über Distanz und Momentum, was die späte Einführung im Lehrplan begründet. Die Techniken ähneln denen des Nunchaku, erfordern jedoch zusätzliches Fingerspitzengefühl für die variable Kettenlänge

Tinbe & Rochin
Das Tinbe-Rochin gilt als die spannendste Waffe des Ryukyu Kobujutsu. Als einzige Kombination aus Schild und Speer im System wird es oft als „Außenseiter“ betrachtet, da seine Konstruktion und Anwendung eindeutig dem Kriegshandwerk und nicht der Landwirtschaft entspringen.
Im Gegensatz zu vielen anderen Waffen, die oft früher gelehrt werden, ist das Tinbe-Rochin traditionell Teil des Curriculums für den Nidan (2. Dan). Es wird als das einzigartigste aller Ryukyu-Waffensysteme angesehen.
Die Waffe besteht aus zwei Komponenten, deren Namen in verschiedenen Quellen unterschiedlich zugeordnet werden (oft wird der Schild als Tinbe und der Speer als Rochin bezeichnet):
- Der Tinbe (Schild): Historisch oft aus dem Panzer der Bekko-Kame (Echte Karettschildkröte) gefertigt, was heute aus Artenschutzgründen durch Fiberglas, Holz, Rohrgeflecht oder Metall ersetzt wird. Die Maße betragen typischerweise ca. 45 cm in der Länge und 38 cm in der Breite. Er ist leicht genug, um schnelle Manöver zu ermöglichen, dient aber auch als Schlagwaffe.
- Der Rochin (Kurzspeer): Die Klingenlänge entspricht in etwa der Distanz vom Unterarm bis zum Ellenbogen des Nutzers. Die Klinge ist oft so konstruiert, dass sie sich zur Mitte hin erweitert; beim Eindringen wird sie gedreht, um die Wunde zu vergrößern. Der Schaft ist oft zum Ende hin verdickt, um auch mit dem Knauf schlagende Techniken auszuführen
Die Anwendung des Tinbe-Rochin folgt dem Prinzip des „Go no Sen“ (Konter nach dem Angriff) und erfordert exzellente Kniearbeit, um schnell in die Tiefe gehen zu können. - Schildarbeit (Tinbe): Die Blocktechniken sind primär zirkulär angelegt, um Angriffe abgleiten zu lassen, anstatt sie hart zu stoppen. Ein zu starkes Strecken des Arms beim Blocken wird vermieden, um die Stabilität im Zentrum (Hara) und unter der Achsel (Waki) zu wahren.
- Speerarbeit (Rochin): Der Hauptangriff erfolgt durch aufwärts gerichtete Stiche, die darauf abzielen, unter den Rippenbogen, in die Achselhöhlen oder an den Hals des Gegners zu gelangen – also in Lücken, die auch durch Rüstungen verwundbar sind.
- Täuschung und Wurf: Der Speer wird oft hinter dem Schild verborgen, um das Element der Überraschung zu nutzen. Darüber hinaus umfasst das System Wurftechniken für den Rochin, wobei Kenntnisse aus dem Shuriken-Jutsu (hier speziell Shingetsu Ryu) integriert sind.

Neben den Grundtechniken und den Kata lag ein besonderer Schwerpunkt auf den verschiedenen Anwendungstechniken am Partner. Hier wurde geübt, wie die einzelnen Bewegungen der Waffen in der Praxis effektiv eingesetzt werden können.
Das Hombu-Dojo in Tokio wird derzeit renoviert und konnte während des Aufenthalts nicht genutzt werden. Daher mussten wir auf verschiedene Trainingsorte ausweichen.


Hier geht es zum zweiten Teil des Berichts zur Japanreise 03/2026…
